Weingut Schätzel – Kai Schätzel und Jule Eichblatt
Der neue Geist des Roter Hang
Wie Kai Schätzel und Jule Eichblatt ein 600 Jahre altes Weingut zu einem der spannendsten, radikalsten Orte der europäischen Weinwelt transformierten
Manchmal ereignen sich Momente in der Weinwelt, die eine ganze Region wieder zum Leben erwecken – nicht durch eine zufällige Entdeckung einer neuen Rebsorte oder durch generationenübergreifendes Glück, sondern weil ein oder zwei Menschen einfach anders hinschauen. Tiefgründiger, radikaler, freier und gleichzeitig präziser. So ein Moment spielt sich in Nierstein ab, an den roten Hängen des Roter Hang. Das Epizentrum dieser Wiederbelebung: das Weingut Schätzel. Die treibenden Kräfte: Winzer Kai Schätzel und Mitgeschäftsführerin und Co-Visionärin Jule Eichblatt.
Obwohl ihr Weingut relativ klein ist, reicht ihr Einfluss weit über Deutschland hinaus. Sie gelten als Visionäre – nicht, weil sie modisch wären, sondern weil sie eine eigene, überzeugende Vision davon haben, was Riesling, Silvaner und Terroir sein können. Sie definieren Spannung, Textur, Energie, minimale Intervention und lebendige Böden neu – immer mit Blick auf Generationen und nicht nur auf Jahrgänge. Mit einer Kombination aus historischem Wissen, modernen Techniken und beinahe philosophischer Präzision schaffen sie Weine, die die Deutsche Weinlandschaft neu denken lassen.
Terroir, bevor Terroir ein Trend wurde
Lange bevor Begriffe wie „terroirgetrieben“ alltäglich wurden, arbeitete Kai Schätzel bereits auf eine Weise, die für Mittelrhein und Rheinhessen untypisch war. Während viele Produzenten Weine nach Frucht, Charme und direkter Trinkbarkeit gestalteten, entschied sich Schätzel radikal für die Bodenausdruckskraft. Die Rebe spielte eine sekundäre Rolle; das Parzelle stand im Mittelpunkt.
Seine Weine folgen eher einer Burgundischen Logik: niedrige Erträge, manuelle Selektion, spontane Gärung, minimale Filtration, Ausbau in großen, alten Holzfässern und immer die Suche nach maximaler Spannung statt maximaler Reife. Die Weine sind nervös, straff und manchmal sogar schroff in ihrer Jugend, vibrieren jedoch immer vor Energie – ein Charakter, den junge deutsche Winzer heute noch als die „Schätzel-Linie“ nachahmen.
Roter Hang, präziser
Der Roter Hang, die berühmte Steillage zwischen Hipping, Ölberg, Pettenthal und Brudersberg, besteht aus eisenhaltigem Schiefer, der durch Oxidation seine charakteristische rote Farbe erhält (Hämatit, Fe₂O₃). Über Jahrhunderte wurde dieses Terroir unterschätzt, zersplittert oder vergessen. Kai Schätzel brachte es erneut auf die Karte, mit einem radikal fortschrittlichen Fokus, der in den 2000er Jahren fast unverständlich war: Salinität, Kalkspannung, Textur über Aroma, Reduktion und Länge über sofortige Trinkbarkeit.
Historische Vinifikation als Zukunftsstrategie
Was Schätzel besonders macht, ist nicht nur, was er tut, sondern warum. Sein radikaler Stil entspringt einem tiefen historischen Bewusstsein. Er hat Techniken aus dem 18. und 19. Jahrhundert wiederentdeckt und in einen modernen Kontext übertragen – nicht als Gimmick, sondern weil sie oft besser geeignet sind, das Terroir freizulegen, als viele moderne technische Hilfsmittel.
So verwendet er längeren Maischestand, spontane Gärung, kaum Schwefel, Fußpressung, riesige Holzfässer mit dicken Dauben und lange Reife auf der Feinhefe. Er sucht Weine, die nicht glattgebügelt sind, sondern mit dem Ort, von dem sie stammen, atmen. In einer Zeit, in der moderne Vinifikationstechniken die Norm waren – Zentrifugen, Osmose, Hefestämme, Aroma-Retention – entschied er sich bewusst für das Gegenteil. Er wollte keine perfekten, sondern ehrliche Weine. Weine mit Nervosität. Weine mit einer Art innerem Strom – Weine, die erzählen, woher sie kommen, nicht, was jemand damit gemacht hat.
Biodynamik ohne Dogma – der Boden als lebendiger Organismus
Wer Kai Schätzel spricht, merkt schnell eines: Er ist kein Romantiker. Kein Esoteriker. Kein Schwätzer in mystischen Begriffen. Sein biodynamischer Ansatz ist vollkommen geerdet in Beobachtung, Wissenschaft und landwirtschaftlicher Logik.
In seinen Weinbergen dreht sich alles um Bodengesundheit und Regeneration. Er arbeitet mit permanenten Zwischenfrüchten, Mischungen aus Klee und Kräutern, die Insekten anziehen und den Boden locker halten, minimaler Bodenbearbeitung, um Mykorrhiza-Netzwerke intakt zu lassen, Schafen zwischen den Reihen und ohne synthetische Pestizide oder Herbizide. Der Weinberg ist ein Ökosystem – kein Produktionsfeld – und liefert Reben, die tief wurzeln, konzentrierte Beeren tragen und ein natürliches Gleichgewicht entwickeln, das im Keller kaum noch gesteuert werden muss.
Er verwendet biodynamische Präparate (wie Hornmist 500 und Hornkiesel 501), aber stets funktional: als Präzisionsinstrument, nicht als Ritual. Er glaubt, dass Balance in der Pflanze durch Balance im Boden entsteht – nicht durch dogmatische Regeln. Im Keller setzt er diese Logik fort: spontane Gärung, keine Schönung, kaum Filtration, minimale Schwefelgabe, viel Geduld und große alte Fässer. Seine Weine werden nicht gemacht – sie werden begleitet.
Mykorrhiza-Netzwerke
Stellen Sie sich vor, Pflanzen und Pilze sind geheime Partner, die sich gegenseitig beim Überleben helfen. Genau das macht Mykorrhiza. Das Wort bedeutet wörtlich „Wurzelpilz“ und beschreibt eine clevere Zusammenarbeit zwischen Pflanze und Pilz. Der Pilz wächst um oder sogar in den Wurzeln der Pflanze und fungiert als eine Art Superwurzel. Die Pflanze gibt dem Pilz Zucker aus der Photosynthese, und der Pilz liefert Wasser und Nährstoffe wie Phosphor und Stickstoff, oft viel effizienter, als die Pflanze es allein könnte. So wächst die Pflanze besser, bleibt gesünder und widerstandsfähiger gegen Trockenheit oder Krankheiten. Für den Pilz ist es ebenfalls ein Gewinn: Er erhält Nahrung von der Pflanze. Mykorrhiza ist also ein unsichtbares Netzwerk von Helfern im Boden, eine Art natürliche Superkraft für Pflanzen.
Die Solera als Komplexitätsinstrument
Eines der faszinierendsten Elemente seiner Arbeit ist das Solera-System, das er unter anderem für Silvaner und Riesling einsetzt. Keine klassische Sherry-Solera, sondern eine subtile, kleinmaßstäbliche Variante, bei der mehrere Jahrgänge in einem großen Holzfass zusammengeführt und unter einer leichten Flor-Schicht gereift werden.
Das Ergebnis: Weine mit Schichtung, Spannung, Tiefe und Konsistenz – jedoch ohne die oxidativen Noten, die man in Sherry findet. Die Solera ist für ihn kein stilbestimmendes Mittel, sondern ein Werkzeug, um das Terroir noch präziser sprechen zu lassen. Einige seiner Steiner-Weine (z. B. Silvaner 20–23 und Riesling 17–23) sind beeindruckende Beispiele: lebendig, nervös, salzig und kalkbetont, aber mit einer unverkennbaren zusätzlichen Dimension, die nur langfristige, mehrjährige Reifung liefern kann.
Auf meine Frage, wie er auf die Solera-Idee gekommen ist, antwortete er so, wie er arbeitet: „Man darf sich nicht in Traditionen einschließen, sondern muss mit offenen Armen auf alles schauen, was die Weinwelt zu bieten hat.“ Inspiration kommt für ihn aus Kultur, Wissenschaft, Boden kenntnis und internationalen Entwicklungen – und ja, auch aus etwas Unvermeidlichem wie dem Klimawandel. Die Idee seiner Solera entstand also nicht, weil er spanisch wirken wollte, sondern weil er glaubt, dass ein Winzer nur vorankommt, wenn er neugierig bleibt und bereit ist, Techniken weltweit zu übernehmen, wenn sie die Ausdruckskraft seiner Weinberge bereichern.
Der VDP und der brillante Querdenker
Im VDP – dem mächtigsten Weinverband Deutschlands – gilt Schätzel als genialer Grenzgänger. Einerseits produziert er Grosse Lage-Weine, die perfekt innerhalb der Regeln liegen: Jahrgangsrein, Ortsgebunden, extrem präzise Rieslinge aus Pettenthal, Ölberg und Hipping. Andererseits erzeugt er Solera-Weine, Flor-Weine, ungefilterte Abfüllungen und jahrgangsübergreifende Cuvées, die vollständig außerhalb des klassischen VDP-Systems stehen.
Bemerkenswert: Man duldet ihn nicht nur, man bewundert ihn. Seine Experimente werden als Bereicherung des deutschen Weindiskurses gesehen, nicht als Bedrohung. Er dehnt die Regeln aus, bricht sie aber nie. Deshalb wird er so toleriert, wie nur echte Visionäre toleriert werden: mit einer Mischung aus Bewunderung, leichter Irritation und stillem Stolz.
Ihr Einfluss – von der Region bis zur internationalen Avantgarde
Der Einfluss von Kai Schätzel ist mittlerweile dreifach:
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Stil: Er hat gezeigt, dass Riesling und Silvaner radikal straff, transparent und mineralisch sein können – ohne Tiefe oder Trinkbarkeit zu verlieren. Viele junge deutsche Winzer arbeiten heute straffer, trockener, reduktiver und terroirfokussierter dank seines Beispiels.
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Region: Er hat den Roter Hang wieder als eines der spannendsten Riesling-Gebiete der Welt etabliert.
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Philosophie: Er hat Biodynamik nüchtern, präzise und nicht-dogmatisch neu definiert, fernab von der Esoterik, die manche darin sehen.
Jule Eichblatt – die stille Kraft, die alles in Bewegung brachte
Wer denkt, dass Schätzel nur die Arbeit von Kai ist, verpasst die Hälfte der Geschichte. Die Transformation des Weinguts zu dem, was es heute ist – ein Hotspot modernen Denkens, ein Magnet für junge Talente, ein Labor für nachhaltige Landwirtschaft – wäre ohne Jule Eichblatt unmöglich gewesen.
Jule stammt aus Norddeutschland, aus landwirtschaftlichem Kontext. Sie studierte, arbeitete als Unternehmerin, gründete ein Bio-Food-Startup und wurde systemisch coach und Familientherapeutin ausgebildet. Als sie während der Ernte 2020 Kai traf, geschah etwas, das rückblickend unvermeidlich scheint: Zwei Menschen mit derselben Zukunftsvision, derselben Obsession für regenerative Landwirtschaft und derselben Sensibilität für Energie und Balance – aber mit völlig unterschiedlicher Professionalität – beschlossen, ihre Kräfte zu bündeln.
Jules Einfluss auf das Weingut ist enorm und konkret
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Modern Farming – regenerative Landwirtschaft & Syntropie
Unter ihrer Führung begann das Weingut mit agroforstähnlichen Systemen: Bäume zwischen den Reihen, Schafe zur Begrünungsbewirtschaftung, Bodenschutz, Biodiversität als Ziel an sich. Sie verbindet alte Landwirtschaftstraditionen mit neuen Techniken, wie Drohnen für Präparateverteilung. Ihre Vision: Weinbau muss Teil einer regenerativen Landschaft sein, nicht eine extraktive Industrie. -
Modern Wine – Wein als Ausdruck eines lebendigen Ortes
Zusammen mit Kai entwickelte sie den modernen Stil des Weinguts: spontane Gärung, Flor, Solera, lange Reife, minimale Intervention. Keine Dogmen, aber radikale Klarheit. -
Modern Work – Kommune 3000
Sie schuf eine Art Mikro-Gemeinschaft auf dem Weingut: ein Ort, an dem junge Menschen aus aller Welt wohnen, arbeiten, lernen, meditieren, experimentieren. Keine traditionelle Hierarchie, sondern ein Kollektiv, das Landwirtschaft mit persönlicher Entwicklung verbindet. Sie sehen Weinbau nicht als Arbeit, sondern als Kultur. -
Mitherrschaft
Sie ist keine Partnerin im Hintergrund: Sie co-leitet das Weingut und bestimmt die strategische Richtung. Export, Branding, Netzwerke, Nachhaltigkeit, Teamkultur – überall hinterlässt sie ihren Stempel.
Zusammen bilden Kai und Jule ein seltenes Duo in der Weinwelt: ein Macher, der auf jahrhundertealte Methoden zurückgreift, und eine Denkerin, die auf die nächsten 50–100 Jahre blickt.
Eine neue Kategorie – Modern Wine
Das Duo Schätzel–Eichblatt hat etwas angestoßen, das über Wein hinausgeht. Sie führen eine neue Kategorie ein, die sie selbst „Modern Wine“ nennen: Wein aus regenerativer Landwirtschaft, minimaler Intervention, zukunftsorientiertem Denken und voller Terroir-Transparenz. Sie bedienen die Nische zwischen klassischem Elitewein und modernem Naturwein: straff, pur, sauber, aber auch lebendig, unpoliert und charaktervoll.
Dieser Stil zieht eine neue Generation an: junge Sommeliers, hippe Weinbars, Universitäten, internationale Praktikanten, nachhaltige Landwirtschaftsprojekte. Sie beeinflussen die Sprache, in der über Wein gesprochen wird: weniger über Frucht und Aromen, mehr über Textur, Spannung, pH, lebendigen Boden, Energie.
Warum Kai und Jule Visionäre sind
Visionäre werden nicht an dem erkannt, was sie jetzt tun, sondern an dem, was ihre Arbeit in zehn oder zwanzig Jahren bedeutet. Bei Schätzel und Eichblatt ist dieser Horizont bereits deutlich:
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Kai und Jule restaurieren eine historische Weinbaukultur;
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Sie verbinden Bodengesundheit mit Weinqualität;
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Sie führen regenerative Landwirtschaft in eine traditionelle Landschaft ein;
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Sie begleiten Weine, die deutsche Qualitätsnormen neu definieren;
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Sie inspirieren junge Winzer in ganz Europa;
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Sie zwingen den VDP, Regeln und Definitionen neu zu denken;
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Und vor allem: Sie schaffen eine Arbeitsweise – ein System –, das nicht um Jahrgänge, sondern um Generationen kreist.
Ihr Blick reicht bis 2050, 2100, 3000. Ein Zeithorizont, den fast niemand mehr anwendet.
Das Weingut als Labor für die Zukunft
Wer heute durch den Roter Hang läuft, sieht eine Landschaft, die dank Schätzel wieder pulsiert. Die steilen Hänge, einst fast vergessen, sind heute wieder ein weltweites Referenzgebiet. Die Weine werden nicht länger als Varianten von Riesling oder Silvaner betrachtet, sondern als Terroir-Expressionen auf höchstem Niveau.
Am faszinierendsten ist: Bei Weingut Schätzel entsteht das Gefühl, dass dies erst der Anfang ist. Eine Transformation findet statt, deren Auswirkungen die Weinwelt gerade erst zu verstehen beginnt. Kai und Jule sind – sorgfältig, geduldig, fast philosophisch – dabei, nicht nur ein Weingut zu schaffen, sondern ein Denkmuster. Eine Blaupause für Weinbau im 21. Jahrhundert.
Deshalb werden sie Visionäre genannt. Nicht, weil sie hip sind, sondern weil sie den Mut haben, auf das Land, den Boden, die Zeit und darauf zu hören, was Wein sein kann, wenn man loslässt.
Ein Vergleich
Der Stil von Kai Schätzel und Jule Eichblatt bewegt sich auf einem schmalen Grat zwischen asketischer Präzision, roher Energie und radikaler Terroir-Expression – und genau dadurch bildet ihre Arbeit einen faszinierenden Kontrast zu drei Schwergewichten der deutschen Spitze: Klaus Peter Keller, Horst Sauer und Emrich-Schönleber.
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Keller: Weine wie architektonische Meisterwerke, fast marmorne Balance zwischen Reife, Textur und kristalliner Finesse. Schätzel setzt auf Spannung, die man fühlt, bevor man sie schmeckt.
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Sauer: Silvaner durch Breite, Raffinesse, beinahe burgundische Rundung und Trinkfreude groß gemacht. Schätzels Silvaner wirkt wie eine andere Sprache innerhalb desselben Alphabets: schmal, straff, mineralisch.
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Schönleber: Rieslings wie chirurgische Schnitte – filigran, transparent, rein, perfekt balanciert zwischen Frucht, Säure und Mineralität. Schätzel hingegen interpretiert den Roter Hang experimentell, rau, mit Flor, Solera und extremer Trockenheit.
Zusammengefasst positioniert sich Schätzel als Modernist zwischen drei Ikonen der modernen klassischen Schule. Keller steht für ruhige Perfektion, Sauer für großzügige Harmonie, Schönleber für glasklare Präzision. Schätzel dagegen verschiebt den Fokus: weniger Frucht und Form, mehr Boden, Energie, Bewegung und fast elektrische Lebendigkeit. Während die anderen die Essenz des deutschen Weinbaus verfeinert haben, scheint Schätzel sie neu zu definieren – manchmal gegen den Strom, aber immer mit einer Vision, die dem Terroirwein der Zukunft ein neues Gesicht gibt.
2023 Pettenthal Auslese
Über diesen bizarren Wein! Eine Auslese, wie man sie nur selten probiert!
Die Auslese 2023 von Schätzel ist kein gewöhnlicher Wein. Sie stammt von Riesling-Trauben aus der ikonischen „Pettenthal“-Lage – einem steilen Hang am Roten Hang in Rheinhessen, wo Weinbau Hochleistungssport ist. In solchen Weinbergen bekommt man nichts geschenkt: Jede geerntete Traube ist das Ergebnis von Präzisionsarbeit und Geduld.
Laut Kai und Jule war 2023 ein außergewöhnliches Jahr. Der Sommer war warm, aber mit genau genug Feuchtigkeit, damit die Riesling-Trauben extrem reif werden konnten. Die Messwerte im Weinberg – etwa °Oechsle und KMW – schossen weit über die klassischen Auslese-Grenzen hinaus. Ein Jahrgang, wie Winzer ihn nur selten erleben.
Doch es passierte etwas Bemerkenswertes: Es gab kaum Botrytis. Während viele traditionelle Auslesen stark auf die „Edelfäule“ setzen, entwickelten diese Pettenthal-Trauben ihre extreme Konzentration vor allem durch natürliche Eintrocknung am Stock. Ein seltenes Phänomen, das – wie Jule erzählte – spontan und schneller als erwartet eintrat, wodurch rasch entschieden werden musste.
Die Gärung verlief vollständig spontan mit einheimischen Hefen, gefolgt von einer achtmonatigen Reifung in gebrauchten 600-Liter-Holzfässern. Das verlieh der Auslese eine feine Textur, ohne das Fruchtbild zu überdecken. Trotz der enormen Restsüße (rund 185 g/l) blieb der Alkoholgehalt bei nur 7 %. Gleichzeitig blieb die Säure bemerkenswert frisch und lebendig – genau jene Balance, für die große Auslesen bekannt sind.
Kai nennt diesen Wein nicht ohne Grund „die reinste Auslese seiner Zeit“: Die Konzentration erinnert fast an eine Trockenbeerenauslese (TBA), während die Frische beinahe kabinettartig wirkt. Eine Kombination, die man nur äußerst selten findet.
Ich selbst finde, dass dieser großartige Wein sogar eher in Richtung Eiswein geht – keine Botrytis, aber eine unglaublich spannende, vibrierende Säure!

